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Finanzplatz Zürich: stark, aber kein Selbstläufer

An der Generalversammlung des Zürcher Bankenverbands forderte Präsident Patrick O. Müller eine verhältnismässige Bankenregulierung, die auch deren volkswirtschaft­liche Risiken berücksichtigt. finews-CEO und -Chefredaktor Dominik Buholzer plädierte für mehr Selbstbewusstsein und breitere Unterstützung für den Finanzplatz.

Die Mitgliedbanken trafen sich am 27. August 2026 im UBS Konferenzzentrum Grünenhof. Im Zentrum stand die Frage, wie sich die Stabilität des Bankensystems stärken lässt, ohne seine Wettbewerbsfähigkeit zu beschädigen.

Patrick O. Müller, Präsident des Zürcher Bankenverbands (ZBV), erinnerte einleitend an die Bedeutung des Finanzplatzes für Zürich und die Schweiz. Eine vom Verband bei Oliver Wyman in Auftrag gegebene Studie zum Zürcher Bankensektor liefert die Eckwerte: Der Finanzsektor erwirtschaftet gut ein Sechstel der Wertschöpfung in der Region Zürich. Er steht für rund 102’000 direkte Vollzeitstellen; zusammen mit der indirekten Beschäftigung sind es etwa 180’000. In der Stadt Zürich stammt rund die Hälfte der Unternehmenssteuern von Banken und Versicherungen. Hinzu kommen rund 3’500 Ausbildungsplätze.

Diese Zahlen gehörten in die Regulierungsdebatte, sagte ZBV-Geschäftsführer Christian Bretscher. Die Politik müsse neben den Risiken des Bankgeschäfts auch die Risiken der Regulierung berücksichtigen. Werden Vorschriften unverhältnismässig ausgestaltet oder gehen sie international unabgestimmt zu weit, verlagern sich Wertschöpfung, Arbeitsplätze und Steuereinnahmen. Eine Schrumpfung des Finanzplatzes hätte einschneidende Folgen für die gesamte Volkswirtschaft. Der Verband setze sich deshalb für Regeln ein, die an konkreten Risiken ansetzen und einen nachweisbaren Beitrag zur Stabilität leisten.

Die UBS als Chance begreifen

Anschliessend referierte Dominik Buholzer über die Lage des Finanzplatzes. Der CEO und Chefredaktor von finews eröffnete mit einer Warnung eigener Art: Es sei nie ganz risikolos, einen Journalisten einzuladen. Dieser sitze in der ersten Reihe, esse und trinke gratis und habe am Ende erst noch eine «freche Schnurre». Das Eis war gebrochen, und Journalist Buholzer stellte unter Beweis, dass er an der Versammlung keineswegs nur konsumierte, sondern eine interessante Perspektive und wichtige Denkanstösse einbrachte.

In der Sache war Buholzers Botschaft ernst. Die öffentliche Diskussion über die UBS sei zu stark von ihrer Grösse und den damit verbundenen Risiken geprägt. Die Integration der Credit Suisse befinde sich auf der letzten Meile. Die UBS entfalte Schritt um Schritt das Potenzial der neuen Konstellation. Auch asiatische Finanzzentren leisteten gute Arbeit, doch die Schweiz bleibe in vielen Bereichen der Massstab. «Daraus dürfen wir Selbstbewusstsein schöpfen», sagte Buholzer.

Die Schweiz brauche eine global tätige Grossbank, sagte er weiter. Bei Nestlé, Roche oder Novartis werde die Grösse kaum grundsätzlich gegen den Standort ausgespielt. Vielmehr sei das Land stolz auf seine international führenden Unternehmen. «Mit derselben Haltung sollten wir auch auf eine starke UBS blicken», meinte der finews-CEO und -Chefredaktor. Ihre Bedeutung gehe zudem über das eigene Geschäft hinaus: Viele Karrieren im Schweizer Finanzsektor hätten bei der UBS oder der Credit Suisse begonnen. Auch im Spitzenkader von Kantonal- und anderen Banken fänden sich zahlreiche Führungskräfte mit einer Vergangenheit bei einer der beiden Grossbanken.

Angeregter Austausch zwischen Dominik Buholzer, Inhaber und CEO von finews und ZBV-Geschäftsführer Christian Bretscher

Die neue UBS verfüge damit nicht nur über wirtschaftliche Kraft, sondern sei zugleich Ausbildungsstätte und Talentschmiede für den gesamten Finanzplatz. Diese Wirkung werde in der politischen Debatte zu wenig beachtet. Die Risiken einer Grossbank müssten ernst genommen werden. Das dürfe jedoch nicht dazu führen, ihren volkswirtschaftlichen Nutzen auszublenden oder ihre Entwicklungsmöglichkeiten von vornherein einzuschränken.

Mehr Fürsprecher für den Finanzplatz

Sorgen bereitet Buholzer das angeschlagene Image der Branche. Banken und Banker genössen in der Bevölkerung weniger Kredit als früher. Das zeige sich auch in privaten Gesprächen: Das Verständnis für die Arbeit der Institute und ihre Bedeutung für die Volkswirtschaft sei nur noch bedingt vorhanden.

Gefährlich sei vor allem, dass es dem Finanzplatz an Fürsprechern fehle. Der Zürcher Bankenverband leiste wichtige Arbeit, doch brauche es breitere Rückendeckung. Die Branche müsse verständlicher erklären, was sie für Unternehmen, Bevölkerung und Staat erbringe. Dazu gehörten die Finanzierung der Wirtschaft, der Zahlungsverkehr, die Verwaltung von Vermögen, Arbeits- und Ausbildungsplätze sowie erhebliche Beiträge an die öffentlichen Haushalte. Buholzer wünschte sich zudem wieder mehr Führungspersönlichkeiten mit Ecken und Kanten. Nicht jede Bankerin und jeder Banker müsse öffentlich auftreten. Es habe jedoch Zeiten gegeben, in denen Vordenker des Finanzplatzes Debatten geprägt und auch ausserhalb der Branche Wirkung erzielt hätten. Heute sei die Bereitschaft, sich zu exponieren und Widerspruch auszuhalten, weniger ausgeprägt. Eine Branche von solcher Bedeutung dürfe die Deutung ihrer Zukunft aber nicht anderen überlassen.

Aufsicht braucht Autorität und Kontrolle

Kritisch äusserte sich Buholzer zur Verhärtung der Regulierungsdebatte in Bern. Eine starke Aufsicht brauche Autorität. Diese entstehe jedoch nicht dadurch, dass möglichst viele Auseinandersetzungen vor Gericht endeten. Das Verhältnis zwischen Aufsicht und Beaufsichtigten müsse wieder stärker vom Dialog geprägt sein.

Ungeklärt sei zudem, wer die Aufsicht wirksam kontrolliere. Der Bundesrat, die Eidgenössische Finanzkontrolle und weitere Stellen nähmen jeweils einzelne Aufgaben wahr. Ein klarer Lead fehle jedoch. Dadurch verfüge die FINMA über einen sehr grossen Handlungsspielraum. Eine starke Aufsicht sei notwendig, brauche aber ebenso klare Verantwortlichkeiten und eine wirksame institutionelle Kontrolle.

Skeptisch beurteilte Buholzer auch die pointierte öffentliche Einmischung des Präsidenten der Schweizerischen Nationalbank in die Regulierungsdebatte. Er hoffe, dass dies ein Einzelfall bleibe. Die Nationalbank habe eine zentrale Rolle für die Geld- und Finanzstabilität. Gerade deshalb sei bei öffentlichen Stellungnahmen zu politischen Regulierungsfragen Zurückhaltung angezeigt.

Falsche Erwartungen wecke schliesslich das Versprechen, zusätzliche Gesetze könnten eine nächste Krise verhindern. Buholzer betonte: «Unternehmerisches Risiko lässt sich nicht wegregulieren.» Bei allen Massnahmen müsse zudem bedacht werden, dass viele Vorgaben nicht allein die Grossbanken träfen. Auch kleinere Institute hätten zusätzliche Kosten und administrative Lasten zu tragen. Regulierung dürfe deshalb nicht nur an ihrer Absicht gemessen werden, sondern müsse sich an ihrer Gesamtwirkung auf den Bankenplatz beurteilen lassen. Ein Fazit, das aus dem Gespräch von Dominik Buholzer mit ZBV-Geschäftsführer Christian Bretscher hängenblieb, lautet: «Bei allem, was regulatorisch unternommen wird, darf die unternehmerische Freiheit nicht ausgemerzt werden.»

Mehr Präsenz in Politik und Öffentlichkeit

Im Rückblick auf das Verbandsjahr zog Christian Bretscher eine positive Bilanz. Die Studie zum Zürcher Bankensektor stiess auf breite mediale Resonanz. Der Verband wird häufiger von Medien um Einordnung gebeten, hat seine Reichweite in den sozialen Medien erhöht und den Austausch mit der Politik intensiviert.

Ein wichtiger Termin war der Sessionsanlass vom 16. Juni mit den Schwesterverbänden aus Genf und dem Tessin sowie Vertretungen aller drei Kantonsregierungen. Er bot Gelegenheit, die Bedürfnisse der Finanzplätze und ihre regulatorischen Anliegen direkt mit politischen Entscheidungsträgerinnen und -trägern zu erörtern.

Mit der TeleZüri-Reihe «Made in Züri», eine Kooperation mit Zürcher Handelskammer, Swiss Cleantech und der kantonalen Standortförderung sowie der Nachwuchskampagne «Los is Läbe» richtet sich der Verband zugleich an eine breitere Öffentlichkeit. Mit ihrer Mitwirkung an der Pilotstaffel von «Made in Züri» haben die beiden ZBV-Mitglieder Bank Avera und Rahn+Bodmer Co. wesentlich zum Erfolg beigetragen. Eine zweite Staffel ist in Vorbereitung, interessierte Unternehmen sind willkommen. 

Die Kampagne «Los is Läbe» zeigt die Vielfalt der Berufslehren am Finanzplatz und macht deutlich, dass die Berufsbildung dem gymnasialen Weg ebenbürtige Perspektiven eröffnet. Auch bei der Weiterentwicklung der Zürcher Gymnasien engagiert sich der Verband. Für die Branche sind eine fundierte Allgemeinbildung und ein angemessener Stellenwert der Wirtschaftsthemen entscheidend.

Wechsel im Vorstand

Im statutarischen Teil genehmigte die Generalversammlung Jahresrechnung und Tätigkeitsbericht und erteilte dem Vorstand Entlastung. Pascal Gentinetta von Julius Bär wurde als Nachfolger des zurückgetretenen Daniel Aegerter für den Rest der Amtsdauer 2025–2028 in den Vorstand gewählt. Der Präsident würdigte das zwanzigjährige Engagement von Aegerter für den Verband wie auch die Arbeit von Sabine Heller, die im Zug der Beendigung ihrer Tätigkeit für Lombard Odier bereits früher im Jahr aus dem Vorstand zurückgetreten ist. 

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